Potsdamer Konferenz - Forum III

Friederike U. Einig

Chancengleichheit und Schule - Bericht aus dem Forum III

Bereits in ihrem Grundsatzpapier zogen die Hamburger Universitätsprofessorin Hannelore Faulstich-Wieland und Diskussionsleiter Dieter Wunder Bilanz: Die soziale wie gesellschaftliche Lücke zwischen "ganz unten" und "ganz oben" sei trotz der Bildungsexpansion mit Beginn der 60er Jahre immer größer geworden. Die Gesamtschule, die das Ziel verfolgt hatte, jedem Jugendlichen in Beruf und Gesellschaft gleiche Chancen zu ermöglichen, habe ihr Vorhaben nur mangelhaft erreicht. Grund: Die Gesamtschule konnte bis heute das konservative dreigliedrige Schulsystem nicht ablösen, so Hannelore Faulstich-Wieland pessimistisch.

Weiter kritisierte sie die bildungspolitischen Folgen der Wiedervereinigung. Anstatt sinnvolle Ansätze der Polytechnischen Oberschule für die Schulstruktur in Gesamtdeutschland weiterzuentwickeln, hätten die Wessis den Ossis ihr System von Schule aufoktroyiert. Außerdem würde in den Schulen die Multikulturalität der Gesellschaft noch viel zu wenig genutzt, was aber ein gesamtdeutsches Problem sei. Trotz aller Kritik schloss die Hamburger Professorin eine Realisierung von mehr Chancengleichheit in der Schule nicht aus.

Entscheidend sei dafür die Früherziehung, da Kinder bereits in den ersten Lebensjahren grundlegende Sprach- und Kommunikationsfähigkeiten entwickelten. Sie forderte ebenfalls den Ganztagsbetrieb der Schulen, wie es in anderen europäischen Länder längst üblich ist. "Damit sind nicht nur berufstätige Eltern entlastet, sondern die Lehrer könnten endlich auch neue Ansätze probieren, wie veränderte Lernformen und eine verstärkte Berufsorientierung. Beides zusammen muss Teil schulischer Bildung sein", fordert sie.

"Die Chancengleichheit ist bis heute nicht erreicht worden, weil sie nicht erreicht werden kann", war die engagierte Gegenposition von Stefanie Wahl, Institut für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn. Jedes Individuum einer Gesellschaft unterscheide sich in seinen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Interessen von seinen Mitmenschen. Wie soll es unter diesen Umständen eine Chancengleichheit, eine Gleichheit für alle geben?

Mit dem Ganztagsbetrieb der Schulen sind nicht nur berufstätige Eltern entlastet; die Lehrer könnten endlich auch neue Ansätze, wie veränderte Lernformen und eine verstärkte Berufsorientierung erproben.

Entscheidend für den positiven Entwicklungsprozess eines Kindes sei der Versuch der Schulen, die Unterschiede und Fähigkeiten des Einzelnen aufzudecken und zu fördern. Sie plädierte daher für ein vielfältigeres, differenzierteres und flexibleres Schulsystem. Im Berufsleben seien heute Vielfalt, Kreativität, Kommunikation und Teamarbeit gefragt. Die Schulen von heute müssten die Jugendlichen darauf vorbereiten. Wichtig sei dabei auch, dass die Lehrkräfte die sozialen Aspekte, wie die Eigeninitiative und die Persönlichkeitsbildung der SchülerInnen förderten, um sie auch in sozialer Hinsicht, für die Anforderungen im Beruf fit zu machen.

Als Fazit steht sie für das dreigliedrige Schulsystem, weil es den unterschiedlichen Begabungen der Schüler entspricht, erklärte Stefanie Wahl. Allerdings räumte sie ein, dass es hinreichend modernisiert werden müsse, beispielsweise durch mehr Autonomie für die Schulen und durch eine generelle Abschaffung der Verbeamtung von Lehrkräften. Die "extreme Businesshaltung" der engagierten Mitarbeiterin des IWS/Bonn sorgte im Plenum für einige Aufruhr. Es wurde kritisiert, das Individuum werde von der Wirtschaftsvertreterin lediglich als Verwerter betrachtet, als Mensch, der fertig gestellt werden muss, um im Berufsleben funktionieren zu können. Wo bleibe in ihrem Entwurf der junge Mensch als Zivilperson? Natürlich sei die Zivilperson pädagogisch ebenso förderungswürdig, war ihre Position.

Norbert Hocke, der in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft den Organisationsbereich Jugendhilfe und Sozialarbeit leitet, warf die Frage auf, warum in Deutschland anders als im europäischen Ausland, die Bildung erst bei den ABC-Schützen beginne. 1990/1991 wurde der Bildungsauftrag des Kindergartens im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) festgeschrieben. Trotz gesetzlicher Verankerung wird in Deutschland bis heute nicht der Versuch unternommen, den Kindergarten näher an die anderen Bildungseinrichtungen anzugliedern, und die Zeit vor dem ersten Schultag für das Kind zu nutzen.

"Wenn Chancengleichheit zum zentralen Konzept einer Bildungspolitik werden soll, dann müssen die frühen Kindheitsjahre mit in dieses Konzept einbezogen werden, ansonsten droht dieses Konzept zu scheitern", mahnt Hocke. Das Recht zur Entwicklung einer eigenständigen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit wird im KJHG allen Kindern zugestanden. Damit ist also auf rechtlicher Seite der Weg zur Chancengleichheit ab dem frühen Kindesalter geebnet.

Doch in der Praxis sieht das anders aus: Obwohl jedes Kind einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz habe, werde dieser Rechtsanspruch über die Kita-Gebühren in Wirklichkeit außer Kraft gesetzt. Ausländische Eltern können ihre Kinder häufig nicht in Kindergärten anmelden, weil die Kosten einfach zu hoch sind. Kindergärten und ähnliche Tageseinrichtungen müssen als Bildungseinrichtungen für Kinder kostenfrei angelegt werden, so Hockes Bilanz.

Die Sozialwissenschaftlerin und Referentin im niedersächsischen Kultusministerium Sonja A. Schreiner sprach das Dilemma der Gleichberechtigung zwischen Jungen und Mädchen in Schulen an. Als Mitarbeiterin des Referats zur Förderung der Mädchen in Schule und Beruf und damit Expertin auf dem Gebiet der Gleichberechtigung gab sie zu bedenken, dass jeder Mensch Alltagstheorien über seine Erwartungen von Mädchen und Jungen habe. Das sei häufig ein Problem für Lehrkräfte, die Jungen und Mädchen neutral und gleichberechtigt benoten müssen. Dies erfordere, dass die eigene Erwartungshaltung immer wieder aufgearbeitet und reflektiert werde. Eine unreflektierte Haltung könnte andernfalls einengend wirken und sich negativ auf die Erziehung auswirken.

"Schülerinnen der Gesamtschule sind keine braven und angepassten Mädchen: Sie verlassen die Gesamtschule als selbstbewusste junge Frauen."

Lebhaft diskutiert wurde im Plenum der Sinn der sogenannten "Kopfnoten" (Bewertung von Ordnung, Benehmen, Fleiß etc.), die einige Bundesländer künftig einführen wollen. Mädchen schnitten bei der Bewertung von Benehmen, Fleiß usw. immer besser ab als Jungen. "Das ist halt so", gab Referentin Schreiner zu. Was sich im Zeugnis gut macht, muss aber für das berufliche Leben nicht gut sein. Denn die Arbeitgeber legen auf diese Verhaltensweisen nicht so viel Wert und schon gar nicht bei jungen Frauen, klärte die Referentin das Publikum auf. Viel wichtiger sei für die Arbeitgeber die soziale Kompetenz der SchulabgängerInnen im Hinblick auf Kreativität, Selbstbewusstsein, Kommunikationsfähigkeit etc., was aber über die Kopfnoten gar nicht beurteilt würde; diese seien praktisch irrelevant.

Ingrid Wenzler konnte dazu aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz berichten. Als Schulleiterin einer Düsseldorfer Gesamtschule kommt sie täglich hautnah mit den Problemen in Kontakt, die zwischen den jugendlichen Schülern herrschen. Stolz berichtete sie, dass die Schülerinnen ihrer Gesamtschule keine braven und angepassten Mädchen seien: "Sie verlassen unsere Gesamtschule als selbstbewusste junge Frauen."

Das führt sie auf die vermehrten Anstrengungen zurück, die im Bereich der Gleichstellungsarbeit in ihrer Schule unternommen werden. In manchen Kursen und Arbeitsgruppen wollen und dürfen die Mädchen unter sich bleiben. Soweit das organisatorisch möglich sei, versuche sie diesen Wünschen nachzukommen. Häufig werde auch in Absprache mit den Schülerinnen probiert, die Jungen zu integrieren. "Klappt die Zusammenarbeit - dann ist das prima. Wenn es nicht funktioniert, müssen wir eben nach anderen Lösungen suchen", erklärte die Schulleiterin. Wichtig sei, dass sie zwischen Jungen und Mädchen sowie zwischen Schülern aus verschiedenen ethnischen Gruppen immer als unparteiische Person vermittle.

Als Beispiel erzählte sie von einer Ausstellung in ihrer Schule zu dem brisanten Thema "Jugoslawien". An ihrer Schule sind Angehörige verschiedener jugoslawischer Volksgruppen. Um die Ausstellung nicht durch Gewaltaktionen zu gefährden, habe sie ihren Schülern aus Ex-Jugoslawien zugehört. "Jeder hat mir seine Geschichte erzählt", sagte sie zufrieden. Damit wäre die Ausstellung gerettet worden, sie sei von jedem Schüler und jeder Schülerin akzeptiert worden. Die Düsseldorfer Schulleiterin sieht in der Gesamtschule eine gute Alternative zum hierarchisch aufgebauten dreigliedrigen Schulsystem, sie biete zudem ausländischen Kindern als einzige Schulform reelle Aufstiegschancen: "Chancengleichheit durch eine Schule für alle Kinder."

Der Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausitz vertiefte das Thema Migrantenkinder und Chancengleichheit. "Der Anteil der kriminellen und der politisch abseits stehenden Jugendlichen ist inakzeptabel hoch", berichtete er anhand von Statistiken. In Deutschland machen lediglich 8 - 10 % der Migrantenkinder das Abitur. Die Sonderschulen dagegen besuchen doppelt so viele Ausländer wie es dem Bevölkerungsanteil nach eigentlich sein sollte. Das deutsche Schul- und Ausbildungssystem könne sich mit seinem herkömmlichen deutschen Personal, Curriculum und Profil kaum mit Migrantenkindern auseinander setzen.

Positiv bewertet er das neue Staatsbürgerrecht, das allen Migrantenkindern, die in der Bundesrepublik geboren werden, zu Deutschen macht und ihnen selbst die Entscheidung überlässt, ob sie es bleiben wollen oder nicht: "Damit wird beispielsweise eine éMehmet-Lösung', bei der unliebsame Bürger einfach abgeschoben werden, rechtlich unmöglich gemacht." Sehr konkrete Forderungen, stellte er an eine für Migranten förderliche Schule und Schulpolitik, vom Einbezug der Herkunftssprache der Migrantenkinder in Vor- und Grundschule über Deutschunterricht für ausländische Eltern, mehrsprachige Beschriftungen im gesamten Schulkomplex und die kreative Förderung der Jugendlichen durch ausländische Künstler, Geschäftsleute oder Sportler an den Schulen. Eine gute Idee. Eine Berliner Hauptschule hat durch ein solches Projekt überaus positive Lernerfolge bei den SchülerInnen verbuchen können.

Wer dazu beitragen will, dass die Nachteile von Bildungschancen aufgrund sozialer Herkunft verringert werden, muss die pädagogische Arbeitsweise der Schule und ihre Wirkungsweise sehr viel genauer betrachten, forderte Sybille Volkholz, Senatorin a.D. Wissenschaftliche Studien belegten, dass nicht die Schulform entscheidend für die Leistung der SchülerInnen ist, sondern allein die Qualität der einzelnen Schule. Notwendig sei es, sich zusammenzusetzen und die Standards und Fähigkeiten abzusprechen, die in den Klassenstufen gelernt und verfügbar seien sollten: "Erst danach kann beraten werden, wie die Schulen, die bei ihren SchülerInnen diese Leistungen nicht erreichen, gezielt unterstützt werden können." Dafür sei "mehr Transparenz der Schulen vonnöten, das heißt auch, sich den kritischen Fragen der Öffentlichkeit und den Eltern stellen." Erst dann ließen sich Schlussfolgerungen ziehen, wie eine positive Entwicklung der einzelnen Schule gefördert und sinnvolle Hilfen gestaltet werden könnten.

Die Gesamtschule stellt eine positive Alternative zum traditionellen Schulsystem dar. Sie bietet die besten Möglichkeiten, Chancengleichheit bei allen Jugendlichen gleichermaßen zu verwirklichen.

Die Gesamtschule stellt eine positive Alternative zum traditionellen Schulsystem dar, war die Meinung der meisten ZuhörerInnen am Ende des anstrengenden und arbeitsintensiven Tages. Sie bietet die besten Möglichkeiten, Chancengleichheit bei allen Jugendlichen gleichermaßen zu verwirklichen. Über eines waren sich alle Anwesenden einig: Die Schule muss flexibler und differenzierter werden, um schneller auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen reagieren zu können.

Damit aber sinnvolle Reformen an den Schulen durchgeführt werden können, müssen sich die Schulen selbst in mehr Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit üben. Einigkeit bestand auch, dass die Früherziehung der Kinder wesentlichen Einfluss auf di e Förderung der Chancengleichheit in der Gesellschaft hat. Deshalb, so die Forderung, soll jedes in Deutschland lebende Kind die wirkliche Möglichkeit bekomme, einen Kindergarten zu besuchen.


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