Potsdamer Konferenz - Forum II

Katrin Panier

Bericht aus dem Forum II

Der Begriff der Chancengleichheit, wie die Tagung ihn verstand, bezog sich auf ein unendlich weites Feld: Frauen und Männer, Benachteiligte und Begabte, AusländerInnen und Einheimische, Junge und Alte, "Ossis" und "Wessis". Allen diesen Gruppen wollte man in der Diskussion gerecht werden, ein schier unmöglicher Spagat, der auch im Forum II unternommen wurde, das sich mit Fragen der dualen und schulischen Berufsausbildung beschäftigte.

Als Grundproblem wurde geschildert, dass das "duale" Ausbildungssystem aus Betrieb und Berufsschule einer auslaufenden Epoche von Arbeit angehört. Bei den aktuell tiefgreifenden Umbrüchen im System der gesellschaftlichen Arbeit entspricht es nicht mehr den Anforderungen an Berufliche Bildung. Schon heute haben vielerorts freie Bildungsträger die Rolle von "Quasi-Betrieben" übernommen; die Übergangsregelungen werden immer undurchsichtiger und "schwammiger".

Das, obwohl solche Berufsbildungs-Gespräche nun schon seit 25 Jahren geführt werden. Verhältnisse wie in Ostdeutschland, wo die Betriebe die Verpflichtung hatten, Absolventen und frisch Ausgebildete zu übernehmen, werden nicht mehr wiederkommen. Man müsse sich trotzdem davor hüten, die Chancengleichheitsdiskussion für eine westliche "Luxusdebatte" zu halten, mahnte die Eröffnungsreferentin Veronika Pahl. Ihr war der eingangs erwähnte Spagat durchaus bewusst. Schon ein einziges aller genannten Spannungsfelder sei geeignet, tagungsfüllend erörtert zu werden. "Wir wollen eine bestmögliche Bildung für alle ermöglichen", formulierte sie die Zielsetzung des Bundesbildungsministeriums.

Die Entwicklung der beruflichen, gesellschaftlichen und kreativen Fähigkeiten junger Menschen stehe im Mittelpunkt der Überlegungen. Das umfasse Jugendliche mit schlechteren Startchancen ebenso wie besonders leistungsbereite Jugendliche. Die Abteilungsleiterin bezog sich auf eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, die sich auf junge Erwachsene zwischen 20 und 29 Jahren bezieht:

In dieser Altersgruppe bleiben noch immer 11,6 % ohne Berufsabschluss; über die Hälfte von ihnen haben von vornherein keine Ausbildungsstelle gesucht. Sie wies auf die enorme Diskrepanz zwischen jungen Deutschen und jungen Ausländern hin. Unter Ersteren bleiben 8,1 % ohne abgeschlossene Ausbildung, unter letzteren fast viermal so viele. Ein nicht zu unterschätzender Prozentsatz der jungen Leute trat die Lehre gar nicht erst an oder hatte sie zwar begonnen, aber nicht beendet.

Das zeigt, wie viel zu tun wäre, um sie zu motivieren, zu lenken, zu unterstützen. Aber wie, wenn selbst die Motivatoren, die Lenker, die Helfer verunsichert sind angesichts globaler Veränderungen - europäischer und internationaler? Dieses Spannungsfeld kennzeichnete auch die Diskussion: Einerseits das gutwillige Bemühen um bestmögliche Lösungen, andererseits das große Fragezeichen in allen Köpfen: Was wird werden, wie werden wir in ein paar Jahren lernen und arbeiten?

"Schon heute haben vielerorts freie Bildungsträger die Rolle von "Quasi-Betrieben" übernommen."

Dr. Winfried Heidemann von der Hans-Böck-ler-Stiftung, der die Rolle des Europäers in der Runde übernahm, stellte denn auch schonungslos klar: die "Selbstbespiegelung des traditionellen Bildungssystems, wie wir es haben" sei "typisch deutsch" und tauge nicht mehr. Auf internationaler Ebene sei längst nicht mehr die Chancengleichheit, sondern die Chance des Zugangs zur Bildung das zentrale Thema. "Der Arbeitnehmer ist nur eine Fußnote der Geschichte", rüttelte er das Auditorium auf. Es werden ganz neue Arbeitsformen entstehen, von denen Telearbeit nur der Anfang ist.

Beschäftigt sein in einem virtuellen Unternehmen, nicht mehr auf Lebenszeit und als "Arbeitskraftunternehmer" - das seien die Zeichen der Zeit. Entwicklungen, die völlig neue Anforderungen an die Bildung und an die Selbstverantwortung des Einzelnen stellen. Soll also die individuelle Eigenverantwortung gestärkt werden, wie Schröder und Blair es fordern, oder soll der Staat, wie es Jospins Ziels ist, weiter versuchen, jedem Menschen seinen Platz in der Gesellschaft zu garantieren?

Durch das Gender-Mainstreaming werden weitere Fragen in die Debatte geworfen, die Veronika Pahl formulierte:

  • Ist die geschlechtsspezifische Aufteilung der Berufe noch zeitgemäß?
  • Sollten wir daran festhalten, gewerblich-technische Berufe weiterhin für Mädchen zu öffnen?
  • Ist es richtig, auf neue Berufe für junge Frauen vor allem auf den Dienstleistungsbereich und neue Beschäftigungsfelder zu setzen?
  • Welche Benachteiligungen könnten damit verbunden sein ?
  • Ist Chancengleichheit in unserer Gesellschaft nicht vorrangig ein Beschäftigungsproblem und erst in zweiter Linie ein Problem der beruflichen Aus- und Weiterbildung?
Immerhin lag der Anteil junger Frauen an allen Auszubildenden im dualen System 1997 bei 40 %, ihr Anteil an der vollqualifizierenden Berufsausbildung in Berufsfachschulen und in den Schulen des Gesundheitswesens jeweils bei knapp 80 %. Studienanfängerinnen machten 49 % aus, und bei der Laufbahnausbildung im Beamtenverhältnis waren rund 60 % Mädchen. Weibliche Auszubildende konzentrieren sich im Wesentlichen auf neun kaufmännische bzw. Dienstleistungs- und nur einen Handwerksberuf (Friseurin).

Die starke Orientierung auf den Dienstleistungssektor wird mit Blick auf die bevorstehenden Entwicklungen durchaus positiv bewertet. Bei den in den letzten Jahren neu geschaffenen Ausbildungsberufen im Medienbereich übrigens liegt der Frauenanteil über 50 %, dagegen in der Informations- und Telekommunikationstechnik bei oder unter 25 %.

Viele Jugendliche glauben daran, dass sich ihnen nach der Schule eine "zweite Chance" bietet.

Angela Paul-Kohlhoff zeigte auf, dass alle angestrengten Maßnahmen, Mädchen in zukunftsorientierte und technische Richtungen zu lotsen, am Berufswahlverhalten der Mädchen in den letzten Jahren und Jahrzehnten nichts geändert habe. "Warum nehmen wir das nicht endlich einfach einmal zur Kenntnis !", forderte sie. Für viele junge Frauen sei das ganz entscheidende Motiv, wenn sie sich für eine spätere Tätigkeit entscheiden sollen, sie "möchten etwas mit Menschen zu tun haben".

Aufgrund von Koordinierungslücken fänden sie sich dann oft ganz woanders wieder als geglaubt. Das Arbeitsamt lenke Mädchen, die mit Menschen zu tun haben wollten, gar nicht selten in die Tierpflege um. Oder sie landen in der Altenpflege und traditionell als Verkäuferin.

Frau Prof. Dr. Maria-Eleonora Karsten zeichnete ein ebenso ernüchterndes Bild: Das Gesamtbildungssystem von dualen bis vollzeitschulischen Berufsausbildungen kranke hauptsächlich daran, dass alles getrennt diskutiert, getrennt praktisch organisiert und getrennt politisch verhandelt werde. Diese Trennung habe bis heute eine Gesamtschau verhindert und zu nachweislichen Ungleichheiten geführt.

Da die übergreifende Koordinierung fehlt, ist es vielleicht aufschlussreich, die Jugendlichen selbst zu hören. Hermann Rademacker stellte eine aktuelle Befragung des Deutschen Jugendinstituts vor. Generell scheint es viel Optimismus zu geben:

Viele Jugendliche glauben fest daran, dass sich ihnen - unabhängig von den schulischen Leistungen - nach der Schule eine "zweite Chance" bietet. Vor allem wollen sie sich Optionen offen halten und erst am Ende der Schulzeit (in den letzten beiden Jahrgängen) entscheiden, was sie einmal arbeiten möchten. Wer noch zur Schule geht, möchte meist auch weiter lernen und damit die Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern. Eine endgültige Berufswahl kommt so gut wie nicht mehr vor, die Jugendlichen wissen durchaus schon, dass es "den Job auf Lebenszeit" später nicht mehr geben wird.

Übrigens sind ostdeutsche Jungen und Mädchen im Vergleich zu den westdeutschen doch noch mehr auf die eher geradlinige "Normalbiografie" festgelegt. Alle Jugendlichen sagen, ihre Eltern seien die wichtigsten Gesprächspartner in beruflicher Hinsicht. Allerdings können sie doch nicht mehr konstruktiv mitreden; die Entscheidung für den Berufsweg traut sich die nachfolgende Generation eher nur selber zu. Die Rolle der Eltern als Garanten von Obdach und Logis - so lange wie möglich - nimmt allerdings zu.

Hermann Rademacker zieht vor allem eine Schlussfolgerung: Notwendig wären Freiräume in der Biografie jedes einzelnen Jugendlichen - zum Experimentieren und Ausprobieren. Angela Paul-Kohlhoff widersprach den Erkenntnissen des Deutschen Jugendinstitutes, weil ihre Forschungen etwas Gegenteiliges aussagen: Jugendliche machen sich die Berufswahl ja gerade deshalb so enorm schwer, weil sie denken, es handle sich um eine Entscheidung für das ganze Leben. Sie wünschte sich in dieser Hinsicht "Enttraumatisierung".

Ingo Schlüter wies darauf hin, dass ostdeutsche Mädchen flexibler in der beruflichen Orientierung seien als ihre westlichen "Schwestern". Sie sind grundsätzlich bereit, sich in andere Richtungen umlenken zu lassen; sie sind auch offen für einen anderen als den ursprünglichen Wunschberuf. Aus den Erfahrungen der polytechnischen Oberschule der DDR findet Ingo Schlüter die Form der Berufsfrüherfahrung übernehmenswert. Es war dort unter dem Stichwort "Unterrichtstag in der Produktion" üblich, einen Tag pro Woche in einem Betrieb zu verbringen. Der DGB setzt diese Art der "sinnlichen Erfahrung mit der Berufswelt" auch heute im Verbund mit den Arbeitgebern in Werkstätten, Computerkabinetten o.ä. fort. Daraus ergäbe sich - ganz nebenbei und beinahe spielerisch - eine praktische Berufswahlkompetenz, die Evaluation zeige große Erfolge.

Statt der dualen Ausbildung schlägt Ingo Schlüter eine "triale Ausbildungsinitiative" vor; unter dem schön griffigen, ostdeutsch hergeleiteten Namen "Trabi plus". Sie soll zu einem Zuwachs an betrieblichen Ausbildungsplätzen führen und drei Phasen beinhalten:

  • eine Eingliederungsphase im Betrieb
  • (1-3 Monate),
  • eine außer- / überbetriebliche Ausbildungsphase (9-11 Monate) und
  • eine betriebliche Ausbildungsphase (2-2 Jahre).
So könnte man vorhandene Plätze besser nutzen und die Betriebe gleichzeitig unter den positiven Druck setzen, ausgebildete Jugendliche auch zu übernehmen. Der "europäisch Denkende" in der Runde meldete sich zu Wort. Winfried Heidemann konstatierte: "Wieder eine typisch deutsche Diskussion!" Es sei doch schließlich egal, wo die Ausbildungsplätze angesiedelt seien, ob im Betrieb oder in Schulen. Wichtig sei allein, dass es welche gebe. "Trabi plus" traf auf allgemeine Skepsis. Zu teuer, vermuteten die Einen; zu früh dafür, die Anderen. Schlüter meinte, in der Tat werde die Diskussion darüber erst noch richtig losgehen, wenn 2005 die Bewerberzahlen Ost in sich zusammenfallen werden. Bis dahin gelte es, einen wahren "Schülerberg" mit großem Nachfragedruck abzubauen.

Keine duale, sondern eine "triale Ausbildungsinitiative" unter dem schön griffigen, ostdeutsch hergeleiteten Namen "Trabi plus".

Paul-Kohlhoff stellte einen Vorschlag des Sachverständigenrates bei der Hans-Böckler-Stiftung vor, der fordert, dass individuelle und öffentliche Verantwortung künftig Hand in Hand gehen sollen. Denkbar wäre ein Ausbildungsmodell mit verschiedenen "Modulen", die Verbindung verschiedener Elemente und Spezialisierungen zu einer individuell gestalteten Gesamtausbildung. Beispiel: Ich fange an als Sekretärin, lerne Schreiben, Archivieren, Buchhaltung, Betriebswirtschaft, den Umgang mit Menschen, mache Computerkurse - und bin irgendwann freiberufliche Journalistin, wofür ich alle "Module" der Sekretärin gut gebrauchen kann.

Das verlangt natürlich Transparenz, Qualität, "anschlussfähige" Module - und ganz neue Zertifizierungsverfahren. Dazu ganz neue Gutachter, die Zertifikate auch für informell Gelerntes ausstellen können. Eine neue Verteilung von Bildungszeiten wäre dann selbstverständlich: Aus- und Weiterbildung nicht mehr voneinander zu trennen; wir würden lebenslang Lernende.


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